Andacht des Monats

Das Wow-Gefühl

Wir haben einen Baum gepflanzt für meinen besten Freund. Er ist gut zu sehen, der japanische Ginkgo, von seinem Grab aus. Im Sommer soll er Schatten spenden, bei Regen Schutz, und in voller Blüte viel Freude. Schon jetzt kann ich den schmalen Stamm des Baums umarmen und dabei an meinen Freund denken: Jörg, der plötzlich und unerwartet mit 46 Jahren gestorben ist. Dieser Baum ist für mich wie ein Trostspender – ganz gleich zu welcher Jahreszeit ich meinen Freund auf dem Friedhof in einem kleinen Dorf bei Hamburg besuche. Ihn kann ich zwar nicht mehr umarmen, aber den Baum.

Wie ich, so benötigt jeder Mensch Trost. Jeden Tag. Trostnischen: ein Baum, eine Lieblingsserie bei Netflix, eine Playlist mit guter Musik, ein heißes Bad, Wandern, ein guter Wein.

Doch wo finde ich echten Trost und nicht nur den billigen? Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: „In der Begegnung mit dem Du Gottes erfahre ich, dass Gottes Geist in meine Nöte, in meine Wunden, in meine Verzweiflung, in meine Angst und Depression eindringt. Das Gebet führt mich mitten in meiner Leere und in meinem inneren Chaos zu der Quelle des Heiligen Geistes, die unterhalb und hinter all diesen Emotionen liegt.“

In meiner Glaubensvorstellung brauche ich jedenfalls keine Trostpflaster, die meine Wunden kurz mal lindern: Keinen schnellen Bibelspruch, keine einfache Küchenweisheit. Das ist mir zu billig. Ich halte meine offenen Wunden lieber aus. Auch wenn´s so richtig weh tut. Und ich schreie meinen Schmerz dann gen Himmel. Und damit stelle ich meine Wunden in den weiten Raum: In die Morgenröte, in das Glitzern des Meeres, in die vertrauensvolle Hand eines Gegenübers. Und wenn ich merke, dass sich in meiner Seele etwas verwandelt; dann, wow, weiß ich: es ist die Herrlichkeit des Gottes, der meine Wunden heilt. 

Pastor Marcus Buchholz
Tel.: 05032 9649995