Andacht des Monats

Aus der Opferrolle

Etwa um das Jahr 30 herum in Jerusalem. Die Römer haben das Land besetzt. Zu den üblichen Schikanen gehört es, dass jeder römische Soldat einen beliebigen Israeli zwingen darf, sein Marschgepäck zu tragen, eine Meile weit, egal, was der Israeli gerade zu tun hat. Egal, wie schwer es ihm körperlich fällt. Dagegen ankämpfen oder sich unterwerfen?

Jesus verblüfft, als er einen dritten Weg aufzeigt: „Wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm“, sagt er (Mt 5,41). Also doppelte Unterwerfung?!

Nein! Die Zuhörenden damals kannten das Gesetz genau: Das Gepäck länger als eine Meile tragen zu lassen, war ein Verstoß gegen den Militärkodex und konnte bestraft werden. Das heißt, wenn jemand das Gepäck nach Ablauf der einen Meile einfach nicht ablegte, kehrten sich die Verhältnisse um: Der Soldat musste sein Opfer bitten, das Gepäck abzulegen. Und in dem Moment war das Opfer kein Opfer mehr, sondern Handelnder!

Das ist kreativer gewaltfreier Widerstand; und dafür hat Jesus noch mehr Ideen auf Lager. Nie geht es darum, den Täter zu beschädigen, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Aber immer geht es auch um die Wahrung der eigenen Würde. Überraschen, handlungsfähig bleiben, dem Täter das Beschämende seines Handelns widerspiegeln.

So etwas fällt uns nicht von heute auf morgen ein. Es muss eingeübt werden, zumindest mit der gleichen Sorgfalt und Ausstattung, mit der wir den Dienst an der Waffe einüben lassen. 

Wie wären neulich die Soldatinnen und Soldaten aus Afghanistan zurückgekehrt, wenn sie das vorher Jahre lang hätten üben dürfen? Gewalt erzeugt Gegengewalt; und kaum ist das Militär abgezogen, rücken die Taliban wieder vor.

Kann dieser „dritte Weg“ Jesu eingeschlagen werden? 

Die Geschichte zeigt, dass der Weg gangbar ist. Wir beschäftigen uns nur zu wenig damit!

Mahatma Gandhi war einer der ersten, der den Weg des gewaltfreien Widerstandes erfolgreich ging. Seine und andere Mut machenden Beispiele aus der Geschichte können Sie vom 2.11. bis 19.11.21 in der Ausstellung „Frieden geht anders – Frieden ist möglich“ in der Liebfrauenkirche studieren. Wir würden uns riesig freuen, viele Konfis, Jugendliche, junge und ältere Erwachsene dort begrüßen zu dürfen! 

(Literaturtipp: Prof. Dr. Walter Wink: Verwandlung der Mächte, 2014)

 

Klaus-Dieter Coring-Weidner