In Bewegung kommen ...

Er redete schon wieder viel zu lange. Vorher hatte er alle um sich versammelt. Es sollte noch gemeinsam gegessen werden, an Jesus erinnert werden. Aber er sprach und sprach. Alles richtig, was er sagte, aber nun hatten sie es ja auch verstanden, dass das mit Jesus eine gute Sache ist. Die Nacht zog sich, der Raum war hell erleuchtet, vielleicht eine Vorsichtsmaßnahme, damit keiner einschlief? Die Luft wurde knapp, bitte Fenster auf! Wie lange es noch dauerte? Ein junger Mann mit Namen Eutychus fragte sich das. Berechtigt, denn der Apostel Paulus war bekannt für seine ausufernden Reden. Eutychus ließ sich im Fensterrahmen nieder. Dort am Fenster bekam er wenigstens etwas Frischluft. Ehe er sich versah, war er bei der monotonen Rede eingeschlafen, verlor die Körperspannung und fiel aus dem Fenster, drei Stockwerke hinab. Alle dachten, Eutychus überlebe das nicht. Paulus lief hinab und sah nach ihm, stellte fest: macht kein Getümmel, denn es ist Leben in ihm! (nach Apg 20, 7-10)

Zugegeben, eine ungewöhnliche Art, in Bewegung zu kommen. Und einen Fenstersturz wünscht man niemandem. Mich erinnert diese Geschichte an die vergangenen Monate, in denen wir mehr oder weniger gezwungen waren, nichts zu tun, uns zuhause aufzuhalten und viel Bewegung zu vermeiden: keine Reisen, kein Mannschaftssport, keine geselligen Feiern. Die einzige Art der Bewegung war das Spazierengehen in allen Variationen. Man fühlte sich so ein wenig wie Eutychus: jeden Tag hören, wie die Lage sich entwickelt, und ein bisschen war es immer das Gleiche. Natürlich haben wir den Ernst der Lage erkannt und wollten auch mitmachen beim Zahlenruntertreiben, aber irgendwann fehlte die Perspektive. Innerliche Ermüdung: wie lange dauert es noch? Resignation: Es ändert sich irgendwie nichts! Angst vor lockdown in Endlosschleife. Mit dem vorsichtigen Sturz der Infektionszahlen Ende April/Anfang Mai dann aufwachen und aufhorchen: das Leben kommt zurück, vorsichtige Öffnungen.

Es ist Leben in ihm! Dieser Satz des Apostels über den jungen, gestürzten Mann, möge zum neuen Motto werden: es ist Leben im Leben! Es geht wieder los. 

Unser Glaube kennt beides: Stillstand und Bewegung. Manchmal fehlt die Perspektive und irgendwann merken wir, dass wieder Bewegung in die Sache kommt. In beiden „Zuständen“ ist Gott bei uns, weil ihm das Leben nicht fremd ist, weil er nicht nur ein Gott für Schönwetteraktivitäten ist. Weil er immer da ist, im Erstarren, im Fallen, im Neuanfang. 

Wobei kommen Sie nach dem lockdown in Bewegung? Worauf haben Sie Lust? Was werden Sie als erstes tun?

Bleiben Sie behütet Ihre Alida Weinert